Skifahren, das Kreuzband und der Oberlippenbart

Seit nicht ganz dreißig Jahren mache ich jetzt, alle Jahre wieder, den wiederkehrenden Zyklus der vier Jahreszeiten mit. Ein paar Aufenthalte auf der Südhalbkugel stellen dabei die Ausnahme dar. Der Fokus liegt je nach Monat des Jahres natürlich darauf zur warmen Jahreszeit die mitunter wenigen Sonnenstunden auszukosten, dabei Hitze und die langen Tage zu genießen und natürlich den Freizeitsport auf Aktivitäten außerhalb der eigenen vier Wände zu richten. Fraglich ist dabei ob meine persönliche Definition von Freizeitsport, welche definitiv Poolparties, BBQs im Freien und lange Sonnenbäder miteinschließt, als allgemeingültig durchgeht.

In Kalifornien trägt man täglich Shorts, oder?

Fakt ist jedoch, dass Sommer großen Spaß macht. Gäbe es da nicht das alpine Skifahren und Snowboarden, dann würde mir die Wahl meiner Lieblingsjahreszeit kein langes Grübeln abverlangen. Wer mich besser kennt wird sich nun vielleicht fragen, ob diese Überlegung nach meinem Umzug nach Nord-Kalifornien überhaupt eine Rolle spielt. Ein Blick auf die Karte und das dazu passende Klimadiagramm macht es uns sicherlich leichter das ein oder andere Missverständnis aus der Welt zu schaffen. Europäischen Touristen, die planen San Francisco in Shorts, T-Shirt und Sandalen zu besuchen, ist ein kritischer Blick auf Nachfolgendes besonders zu empfehlen.

  1. Geht man von San Francisco aus, dann ist das nächste skitaugliche Gebirge eigentlich unweit entfernt. Unweit im Sinne von 3,5 Stunden im Auto.

    Autofahrt: San Francisco – Lake Tahoe (Quelle: Google Maps)

  2. Kalifornien ist nicht Florida: Im Norden ist es durchaus „kalt“. Ich gebe zu das Wort „kühl“ (eng. chilly) ist hier eher angebracht. Oft wird Nord-Kalifornien mit dem im Süden liegenden Los Angeles und San Diego verwechselt.

    Keine extreme Hitze. Keine extreme Kälte. (Quelle: Wikipedia)

Besonders in den vergangenen vier Jahren haben meine Freunde und ich von diesen Standortvorteilen besonders viel Gebrauch gemacht. Tagesausflüge, Wochenendtrips oder längerfristige Hüttenaufenthalte standen nicht nur einmal auf dem Programm der Wintersaison. Erfolgreiche Tage auf der Piste sehen im Schnelldurchlauf ungefähr so aus:

Einmal Pech gehabt – Die Kehrseite der Medaille

Nach ca. 23 verletzungsfreien Jahren, mit intensiven und weniger intensiven Wintern auf Ski, hat es mich Mitte der Wintersaison 2012 leider richtig hart erwischt. Auf einem Skiausflug mit zehn meiner Freunden ins Skigebiet Jackson Hole in Wyoming habe ich mir nach einem Kollisionsausweichmanöver einen Kreuzbandriss im rechten Knie zugezogen. Im Anbetracht der Umstände kann man das fast als glimpflich bezeichnen! Wenn man zugesehen hat wie ich mit Topspeed zum Sprung, a la Hermann Maier, über den Gebirgskamm geschossen bin, dann hätte man durchaus schlimmeres erwarten können. Das Jahr zuvor in Salt Lake City (Utah) hatte einer unserer Snowboarder eine Hüftprellung zu beklagen. Alpiner Wintersport ist also doch nicht ganz ungefährlich.

Schiene, Krücken und Vans-Turnschuhe.

34 Wochen sind seit meiner Operation (Kreuzbandplastik) nun vergangen und ich nähere mich langsam, aber beständig dem Punkt der vollen Genesung. Der Muskelaufbau gestaltet sich besonders langwierig und geht zäh voran. An der Stelle an der ein Stück meiner Patellasehne entnommen wurde ist das Knie noch etwas empfindlich und schwach. Sowohl meine Chirurgin, als auch ich selbst, sind jedoch positiv gestimmt was meinen Verlauf meiner ReHa anbetrifft.

Während meines Krankheitsverlauf habe ich nicht nur die Tücken und immensen Kosten des amerikanischen Gesundheitssystems kennengelernt, Schmerzen ertragen und Langatmigkeit beweisen müssen sondern auch am eigenen Leibe erfahren, was es heißt, wenn auch nur vorübergehen, nicht am Freizeitspaß des alltäglichen Lebens teilhaben zu können. Mal abgesehen von Schmerzen empfand ich es besonders frustrierend von Dinge ausgeschlossen zu sein, die Freunde tun, die Spaß machen, an denen man gerne teilhaben möchte, man jedoch auf Grund der Einschränkungen der eigenen Physis nicht teilhaben kann.

Persönlich habe ich den Zeitpunkt an dem ich frei von Bedenken und physischen Einschränkungen, sowohl Arbeit als auch Freizeit, wieder in vollen Zügen genießen konnte, als eigentliche gesundheitlichen Befreiungsschlag empfunden. Das, obwohl ich nach momentanen Stand meiner Verletzung, noch nicht wieder auf die Piste zurück kann.

Fazit – Was nehme ich mit für die Zukunft?

Nichts ist selbstverständlich. Die Bedingung an mich selbst aller Skipiste ohne Krankenversicherungsschutz fern zu bleiben bereue ich im Nachhinein keinesfalls. Bis vor kurzem bestand in den USA keine Krankenversicherungspflicht (Stichwort: ObamaCare). Das wir Deutschen uns gerne überversichern (unter den TOP20 aller Vorurteile) trifft momentan sogar auf mich zu: Ich habe nämlich zur Zeit gleich zwei Krankenversicherungen.

Der kommerziellen Spitzensport und dessen Finanzkraft hat über Jahrzehnte dazu geführt, dass Forschungsarbeit Rund um die Reparatur und Rehabilitation des Kreuzbands zum Standardeingriff geworden ist. Die Querälen einer solchen Verletzung sind natürlich Dimensionen von den Ausmaßen der Therapien einer langwierigen Krankheit entfernt.

Jedes Jahr im November inspiriert Movember tausende Männer weltweit, sich für den guten Zweck einen Schnurrbart wachsen zu lassen und so zum Mo Bro zu werden. Unterstützt durch ihreMo Sistas stärken die Männer so das Bewusstsein für Prostatakrebs und sammeln Spendengelder. Seit den Anfängen in Melbourne 2003 hat sich Movember zu einer globalen Bewegung entwickelt und bereits über 1.9 Millionen Mo Bros und Mo Sistas dazu motiviert, teilzunehmen.

Mehr denn je kann ich mir jedoch nun Vorstellen welche Einschränkungen der Kampf gegen jegliche schwere Krankheit, persönlich und für das eigene Umfeld, mit sich bringt. Letztes Jahr hatte ich mehr oder minder erfolgreich an der Spendensammlung movember.com teilgenommen. Dieses Jahr möchte ich erneut teilnehmen. Diesmal primär mit dem Gedanken im Hinterkopf, dass es darum geht Protstakrebsvorschung zu unterstützen und meine Gesichtsbehaarung dabei nur eine untergeordnete Rolle spielt. Auch wenn mir das großen Spaß bereitet künstlerische Kreativität beim Rasieren zu entfalten und fast alle meine männlichen Kollegen von Sauce Labs in diesem Jahr an der Spendensammlung teilnehmen und entsprechend schockierend aussehen.

Ich verfolge keinesfalls die Absicht Euch Lesern ein schlechtes Gewissen einzureden. Mir geht es lediglich darum zum Nachdenken anzuregen. Wie gesagt: Nichts ist selbstverständlich. Besonders dann nicht, wenn es um die Gesundheit geht. Im besten Fall führt mein Blogpost lediglich dazu sich grundsätzlich besser zu fühlen. Einfach aus dem Grund heraus, dass man anfängt die eigene Gesundheit besser zu schätzen und sich daran zu erfreuen.

Nichtsdestotrotz fände ich es Spitzenklasse wenn Ihr mir dennoch eine Spende für eine guten Zweck zukommen lassen wollt. Auf das uns Allen die nähere Bekanntschaft in die tiefen der Therapien des Gesundheitssystems erspart bleibt! 🙂

Schöne Grüße!

Sebastian

Im Kampf für Krebsforschung noch nie besser ausgesehen.

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